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KPF
Der Parti communiste français (PCF) (deutsch: Kommunistische Partei Frankreichs, KPF) ist die Kommunistische Partei in Frankreich. Die Partei wurde im Jahre 1920 beim Parteitag von Tours nach dem Auseinanderbrechen der Section française de l'Internationale ouvrière (SFIO, Französische Sektion der Arbeiter-Internationale) gegründet. Offizielle Parteizeitung war lange Zeit die Zeitung L'Humanité, die trotzdem ihre strukturelle Unabhängigkeit bewahrte. Der Sitz der Partei befindet sich Place du Colonel Fabien in Paris in einem Betonbau des berühmten brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer. Aktueller Vorsitzender ist Robert Hue; er war auch mehrfach Präsidentschaftskandidat.
Die früher ihren Transmissionsriemen darstellende Massengewerkschaft CGT, die in Deutschland durch Eisenbahnstreiks bekannt wurde, hat sich inzwischen von der PCF gelöst.
Im Unterschied zur Deutschen Kommunistischen Partei war die KPF an Regierungen beteiligt, beispielsweise nach dem Wahlsieg François Mitterrands 1981.
Parteigeschichte
Als Erbe der Pariser Kommune von 1871 wächst die Kommunistische Partei Frankreichs neben der Kommunistische Partei Italiens (Partito Comunista Italiano) zur bedeutendsten Partei dieser Ausrichtung in den westlichen Demokratien an.
Ihr politisches Gewicht geht vorwiegend zulasten sozialdemokratischer Strömungen, die bis 1984 keine Regierung ohne die Unterstützung der Kommunisten bilden und in Frankreich aufgrund ihrer Zersplitterung erst spät eine politische Bedeutung erlangen, die der demokratischer, linksgerichteter Parteien anderer europäischer Staaten entspricht.
Die Anfänge
Innerhalb der SFIO sind 1914 die Reaktionen auf die Allianz mit Poincaré bei Ausbruch des Krieges geteilt. Im Rahmen des Krieges steigern sich die Spannungen 1917, zu Meutereien und Streiks in Frankreich, zur russischen Oktoberrevolution.
Im März 1919 gründet Lenin die 3. Kommunistische Internationale, (bekannter unter der Bezeichnung Komintern), die zu einem Bruch innerhalb der französischen Bewegung führt. Auf einem Parteitag in Straßburg Februar 1920 wird beschlossen, zunächst die Organisation der 2. Internationalen zu verlassen. Beim anschließenden Parteitag in Tours im Dezember des gleichen Jahres spricht sich die Mehrheit der Vertreter unter dem Einfluss von Charles Rappoport für eine Anbindung an die Komintern aus und gründet die Section Francaise de l’Internationale Communiste (SFIC), die 1922 zur Kommunistischen Partei Frankreichs wird.
Einfluss der Internationalen Kommunistischen Bewegung
Die Anfänge der Partei werden von heftigen Querelen innerhalb der Bewegung begleitet, die noch im gleichen Jahr im Ausschluss zahlreicher Mitglieder und Führungspersönlichkeiten münden, weil sie als opportunistisch betrachtet werden. Nach einem ersten Wahlerfolg 1924 sinkt die Popularität der Partei infolge der Stalinisierung und erreicht 1932 einen Tiefpunkt (25.000 Mitglieder und miserable Wahlergebnisse). Maurice Thorez, ihr Generalsekretär ab 1930, erklärt sich zum ersten stalinistischen Führer. Damit wird auch die PCF vom antimarxistischen Mythos des unfehlbaren Führers, am Beispiel Stalins in der Sowjetunion, erfasst. In der Folgezeit wandelt sich die PCF zum Handlanger der Anweisungen der Staatsbürokratie der Sowjetunion.
Auch an der Parteibasis macht sich diese Veränderung der politischen Ausrichtung bemerkbar. Nach und nach wird die Mittelklasse (Lehrpersonal, Journalisten, Ärzte…) als Anhänger durch junge Arbeiter ersetzt.
Mit der Anbindung an die Komintern akzeptiert die Partei 21 Bedingungen, die ihr erlauben, sich in sämtliche Angelegenheiten ihrer Mitglieder einzumischen. Die Bewegung um Moskau wird nicht zögerlich auf dieses Mittel zurückgreifen, um über die Umsetzung seiner Direktiven zu wachen und wird über Mittelsmänner, wie Eugen Fried, die gesamte Verwaltung, Organisation und Politik der Partei beeinflussen.
Die Bindung an die sowjetische Partei nimmt auch eine wirtschaftliche Dimension an, als die PCF ab 1950 jährlich mehrere Millionen Franc an Zahlungseingängen von dieser verbucht.
Antifaschismus und Front Populaire
Der Kampf gegen den Faschismus, aus dem Helden der Résistance wie Gabriel Pétri oder Guy Môquet hervorgingen, bildet wahrscheinlich das glorreichste Kapitel der Parteigeschichte. Dennoch blieben die Positionen der Partei in dieser Frage nicht immer eindeutig.
Ursprünglich, als sich die Machtergreifung Benito Mussolinis, dann Adolf Hitlers anbahnt, wird der Faschismus als ultimative Form des Kapitalismus angesehen. Die Kommunisten dieser Zeit sahen allerdings in den Sozialisten Verräter (unter dem Einfluss Stalins wurde der politische Kampf der deutschen Sozialdemokraten gegen den Spartakusbund als Verrat am Sozialismus interpretiert), eine Denkströmung, wie sie heutzutage noch von einigen radikal linken Gruppierungen, wie Lutte Ouvrière vertreten wird.
Gegen diese Politik stellte sich Jacques Doriot, Generalsekretär der Kommunistischen Jugend; er wurde im Juni 1934 dafür aber aus der Partei ausgeschlossen. Er ist auch bekannt für die spätere Gründung einer Bewegung, die sich durch ihre Unterstützung des faschistischen Regimes und antikommunistische Ausrichtung geradezu auszeichnete, was wahrscheinlich mit dieser Erfahrung in Zusammenhang zu bringen ist.
Ironischerweise wird seine Beurteilung der Situation von Stalin, der auf die Verherrlichung Hitlers mit Besorgnis reagiert, übernommen und der Parteitag, der den Ausschluss von Doriot besiegelt, wird sogar um einen Tag verlängert, um es Maurice Thorez zu ermöglichen, die neue Politik einer einheitlichen Vorgehensweise vorzustellen, die auf eine Einigung der linken Strömungen abzielt und eine radikale Wende der Anweisungen aus dem Kreml darstellt.
Als Folge stellt sich eine patriotische Ausrichtung der Bewegung ein, die in einem Zusammenschluss mit der SFIO und der Parti radical de gauche unter der Bezeichnung Front Populaire mündet und es den Parteien ermöglicht, bei den Wahlen 1936 den Sieg davonzutragen. Bei den darauf folgenden Gemeinderatswahlen gelang es den Kommunisten, mehrere Arbeiterstädte, insbesondere in den Pariser Vororten, von ihrer Politik zu überzeugen. Dank einer stärkeren gesellschaftlichen als politischen Ausrichtung ihrer Arbeit in diesen Gemeinden war es der PCF möglich, sich die Loyalität dieser Bastionen ihrer Macht, unter der Bezeichnung Ceinture Rouge (Roter Bund) bekannt, bis in die 1980er Jahre zu bewahren.
Dem spontanen Generalstreik 1936 gegenüber ablehnend eingestellt, unterstützt die PCF, immer noch unter der Führung von Thorez, in der Folge die neue Regierung, ohne an ihr beteiligt zu sein, setzt sich aber für ein Eingreifen im spanischen Bürgerkrieg zugunsten der republikanischen Regierung ein.
Im Oktober 1938 widersetzten sich die Kommunisten als einzige Partei dem Münchner Abkommen, das die Annexion der Tschechoslowakei besiegeln sollte, und von dem die Sowjetunion bewusst ausgeschlossen blieb. Infolgedessen kam es bei der Nachricht der Unterzeichnung eines Hitler-Stalin-Paktes mit geheimen Klauseln, welche die Aufteilung Polens und weiterer Teile Osteuropas vorsahen, zum Schock. In Fortführung ihrer patriotischen Politik sprach sich die Partei zunächst für einen Krieg gegen Deutschland aus, erhielt aber bald strikte, gegenteilige Anweisungen von der Komintern-Zentrale aus Moskau, unter dem Hinweis, der Krieg richte sich nicht mehr gegen den Faschismus, sondern sei ein Kampf der Imperialisten untereinander. Trotz zahlreicher Parteiaustritte passte die Führung ihre Politik an die neue Linie an und wurde dafür von der Regierung mit einem Verbot belegt.
In den Untergrund gedrängt und in Abwesenheit ihrer bedeutendsten Führer, die als Soldaten mobilisiert worden waren oder wie Maurice Thorez in die Sowjetunion emigriert waren, durchlebten die Partisanen der Partei ein Phase der Orientierungslosigkeit.
Als Frankreich 1940 schließlich von deutschen Truppen besetzt wird, bitten die Kommunisten das neue Regime um eine erneute Zulassung ihrer Parteizeitung L'Humanité, ohne sich dadurch davon abhalten zu lassen sich mit Persönlichkeiten, wie Guy Môquet in Paris, aber auch Eusebio Ferrari in der Region Nord und zahlreichen anderen, aktiv in die Résistance einzubringen.
Auf den Angriff Hitlers auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 reagieren die Partisanen der Kommunistischen Parteien der von Deutschland besetzten Gebiete innerhalb der Widerstandsbewegung, indem sie zum bewaffneten Kampf übergehen.
Nachkriegszeit
1941
1944 beteiligt sich die PCF an der Seite der Gaullisten an der Befreiung von der deutschen Okkupation. Das Engagement und die Opferbereitschaft der französischen Kommunisten innerhalb der Résistance, der Mut der sowjetischen Soldaten und letztendlich der Sieg der Alliierten, lassen die Zwiespältigkeit der Kommunistischen Führer in Vergessenheit geraten und 1945 das Prestige der Bewegung als Dank für das patriotische Engagement ihrer Anhänger wieder steigen, so dass sie in die Regierung der nationalen Einheit aufgenommen werden.
Aus den Wahlen zur Nationalversammlung 1946 geht die PCF mit 28,8 % der Wählerstimmen als stärkste Partei hervor. Mit der Anbindung der Gewerkschaft CGT an die sowjetischen Kommunisten 1945 verstärkt sich der Einfluss der Partei auf das Arbeitermilieu.
Auf dieser Grundlage entwickelt sich eine kommunistische Gegenkultur, die darauf abzielt, die Bevölkerung in allen ihren Lebensbereichen zu erfassen und infolgedessen beispielsweise die Gründung von Zentren für Kollektivurlaub durch kommunistische Gemeinden mit sich bringt.
In diese Epoche fällt ebenfalls das Wirken von Arbeiterpriestern, die Katholiken für die Ideologie der Partei empfänglich machen.
Auch die Anzahl von Künstlern und Intellektuellen, von denen beispielsweise Louis Aragon, André Breton, Albert Camus, Paul Eluard, Paul Nizan, Yves Montand, Benjamin Péret, Pablo Picasso, Henri Wallon oder auch Max Gallo, André Gide und Jean-Paul Sartre der Partei zeitweilig nahe standen, ist aufschlussreich.
Zu dieser Zeit ist die PCF voll in die Regierungsarbeit eingebunden und der Kampf ihrer Gegner beschränkt sich auf einige wenige rechtsradikale Gruppierungen, die völlig am Rande der Gesellschaft stehen.
Kalter Krieg
Mit dem Marshall-Plan und dem Beginn des Kalten Krieges 1947 sieht sich die Kommunistische Partei Frankreichs gegenüber den Sozialisten der SFIO in eine Oppositionsrolle gedrängt, schneidet aber dennoch in der Wählergunst etwas besser ab. Organisationen, wie die Friedensbewegung ermöglichen ihren Sympathisanten, sich gegen den US-Amerikanischen Imperialismus und seine französischen Handlanger stark zu machen.
In der Nachfolge des Kampfes gegen das Regime der Nationalsozialisten bleibt die Partei eine patriotische Bewegung. In diesem Rahmen sieht die Partei im Antiamerikanismus einen Schutz vor einer neuen Form des Imperialismus und die Fortsetzung des Kampfes gegen den Faschismus. An dieser Quelle schürt sich noch die heutige antiamerikanisch ausgerichtete Bewegung.
Zeit Stalins
Bis zur Mitte der 1950er unterstützte die PCF das Regime Stalins stetig und bedingungslos.
Als Stalin am 5. März 1953 stirbt, bilden die Veröffentlichung des Berichts von Nikita Chruschtschow und die Unterdrückung des Ungarischen Volksaufstandes durch sowjetische Truppen den Beginn der Äußerung von Zweifeln an der Rechtfertigung seiner Politik, die für viele Partisanen mit heftigen Auseinandersetzungen verbunden sein sollte.
Anfangs, um das Jahr 1956, stößt die PCF auf Schwierigkeiten, dem Stalinismus eine Absage zu erteilen und der neuen Linie friedlicher Koexistenz, die von Chruschtschow vorgegeben wird, zu folgen.
Leitende Persönlichkeiten der Partei weigern sich, sich mit Chruschtschows Bericht auseinanderzusetzen und verbreiten innerhalb der Partei diesbezüglich Lügen. Nach dem Tod von Thorez 1964 übernimmt schließlich Waldeck Rochet die Führung der Partei. Als militante Orthodoxe marxistisch-leninistischer Ausrichtung, wie Jacques Jurquet und Marcel Juliot, sich der Entstalinisierung verweigern und offen für eine Unterstützung der Politik der Volksrepublik China eintreten, resultiert aus diesem Auftreten im April ihr Ausschluss aus der Partei.
So kommt es auf Initiative dieser Kreise im September zur Gründung einer ersten Maoistischen Organisation: die Fédération des Cercles Marxistes-Léninistes de France (FCML). Effektiv bleibt die PCF aber noch lange Zeit mit dem Stalinismus, seinen Strukturen und Praktiken (Demokratischer Zentralismus, steile Hierarchien, Parteiausschlüsse, reaktionärer Charakter der Parteiführung) verwurzelt.
Von den Ereignissen im Mai 1968 eher verstört, widersetzt sich der PCF zunächst der Streikbewegung der Studenten und kritisiert die Besetzung der Universitäten. Selbst als Beschäftigte sich dem Streik anschließen, spricht die Kommunistische Bewegung dem Generalstreik jedes revolutionäre Potential ab und weigert sich, an der Versammlung im Stadion von Charléty teilzunehmen. Diese Empfehlung leitet sie auch an die Gewerkschaft CGT weiter.
Allerdings äußert Waldeck Rochet im Sommer 1968 Kritik an der Unterdrückung des Prager Frühlings.
Jacques Duclos schneidet bei den Präsidentschaftswahlen 1969 mit 21,27 % der Wählerstimmen im ersten Wahlgang ausgezeichnet ab. Er erzielt das bisher beste Ergebnis eines Kommunisten bei einer Präsidentschaftswahl in Frankreich. Insgesamt sehen die 1970er tendenziell eine Schwächung des Ansehens der Partei in der Bevölkerung. 1972 kommt es zur Unterzeichnung eines gemeinsamen Regierungsprogramms mit der Sozialistischen Partei, in der Hoffnung, sich damit mehr Gehör in der Bevölkerung zu verschaffen. Die Vorteile aus der Allianz machen sich allerdings nur einseitig zugunsten der Sozialisten bemerkbar, und das gemeinsame Programm wird schon sechs Jahre später aufgegeben.
Die Veröffentlichung von Alexander Solschenizyns Der Archipel Gulag 1974 zieht fatale Folgen für das Ansehen der Partei in der Öffentlichkeit nach sich.
Zwar distanziert sich die PCF 1976 von der Linie nach sowjetischem Vorbild und schlägt eine stärker eurokommunistisch geprägte Richtung ein. Dennoch kommt es infolge von Ereignissen, wie der öffentlichen Befürwortung der Invasion Afghanistans durch sowjetische Truppen durch Georges Marchais 1979, endgültig zum Bruch mit den Künstlern und Intellektuellen, die der Bewegung traditionell nahe standen.
Aktuelle Situation
1980er Jahre
1981 ist die Kommunistische Partei an der Regierung von Pierre Mauroy beteiligt, mit Charles Fiterman als Verkehrsminister, Anicet Le Pors als Minister für Öffentlichen Dienst, Jack Ralite als Gesundheitsminister und Marcel Rigout als Bildungsminister. Nachdem die Wahlversprechen von der Verstaatlichung der Großindustrie und der Banken wahrgemacht wurden, beginnt der sozialistische Finanzminister Jacques Delors zwischen Juni 1982 und März 1983 einen wirtschaftlichen Austeritätskurs, nachdem sich drei Mal in Folge Abwertungen der Währung als notwendig erwiesen hatten und zu Milliardenverlusten an Kapital und einer Explosion der Arbeitslosigkeit geführt hatten. Auf diesem Hintergrund ist die Entscheidung der Sozialisten zu verstehen, nicht an ihren wirtschaftlichen und sozialen Reformen festzuhalten, aus Angst die französische Wirtschaft innerhalb Europas in die Isolierung zu treiben. Als Ergebnis beschließt die PCF 1984 die Regierung zu verlassen, um gegen diese neue, liberale Ausrichtung der von den Sozialisten gestellten Regierung zu protestieren. Die Kritik der PCF bleibt allerdings undefinierbar und ohne konkrete Projekte, begleitet von tief greifenden internen Spaltungen der Bewegung und als Ergebnis einer neuen Phase von Auflösungserscheinungen.
1990er Jahre
1994 ist es an der Reihe von Robert Hue als Nachfolger von Georges Marchais den Platz an der Parteispitze einzunehmen. Trotz eines stetigen Rückgangs in der Wählergunst in den 1970er und 1980er Jahren und dem Scheitern der Revolution nach sowjetischem Vorbild, die in dem Fall der Berliner Mauer und der Öffnung der ehemaligen Ostblockstaaten mündet, bleibt der Einfluss des PCF dennoch nicht zu vernachlässigen.
Seine Bemühungen richten sich im Rahmen einer strategischen Allianz, der Gauche Plurielle, auf eine stärkere Orientierung in Richtung Sozialdemokratie. Daraufhin gelingt es der Partei 1997 wieder einige Persönlichkeiten in die Regierung einzubringen: Jean-Claude Gayssot als Verkehrs- und Wohnungsminister, Marie-George Buffet als Ministerin für Sport sowie Michelle Demessine als Staatssekretärin im Ministerium für Tourismus. Die Neuorientierung bedeutet aber auch heftige Auseinandersetzungen innerhalb der Partei.
Auf dem 31. Parteitag im Oktober 2001 wird Robert Hue als Parteisekretär von Marie-George Buffet abgelöst. Die katastrophalen Ergebnisse bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2002 bringen die Partei finanziell in eine extrem prekäre Situation, aber die Ausgabe von Obligationen ermöglicht es schon bald, das Defizit zu überwinden. Zudem sehen die folgenden Wahlen eine Erholung in der Gunst der Öffentlichkeit.
Unter dem Einfluss von Marie-George Buffet macht sich eine Öffnung der Bewegung bemerkbar, indem bei den Regionalwahlen 2004 auch Kandidaten aus dem Milieu der Globalisierungsgegner und der Verbandsarbeit in die Listen aufgenommen werden.
Gleichzeitig kommt es, zwecks Koordinierung der Aktivitäten der Kapitalismus-Gegner, im Mai 2004 bei einer Tagung in Rom zur Gründung einer Europäischen Linken, aktuell unter der Führung von Fausto Bertinotti.
Es sei bemerkt, dass die PCF mit 135 000 eingetragenen Mitgliedern in dieser Hinsicht stärkste Partei Frankreichs bleibt.
Im Rahmen der Kampagne der Gegner der Europäischen Verfassung im Vorfeld des Referendums 2005 nimmt die PCF eine bedeutende Rolle ein und sieht seine Zukunft in einem radikaleren linken Forum, als die Bewegung der Sozialisten, Trotzkisten der Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR) und Globalisierungsgegnern. (siehe auch: EU-Verfassung und Frankreich)
Aktuelle Strömungen innerhalb der Partei
Auf dem politischen Spektrum der radikalen Linken sieht sich die Kommunistische Partei der Konkurrenz von Parteien wie Lutte Ouvrière und der LCR ausgesetzt, ohne dass es ihr möglich ist, auf der Seite der gemäßigteren Linken, der sozialistischen Partei Frankreichs, Stimmen abzuringen. Paradoxerweise wird zudem ihre Rolle als Protestpartei von einer rechtsextremen Partei übernommen, dem Front National, der seinen eigenen Aussagen nach einen Teil seiner Anhänger aus den Kreisen der Arbeiterklasse und ehemaliger Kommunisten schöpft, was wiederum von der PCF strikt bestritten wird.
Innerparteilich zeichnet sich die Parti communiste français durch eine Vielfalt an Meinungen und Denkströmungen aus.
Mit dem Parteiapparat verbundene Strömungen sind nicht offiziell, aber klar wahrzunehmen:
- Die Anhänger der Linie von Marie-George Buffet (Buffistes) leiten die Partei und verteidigen das Prinzip einer Allianz mit der Sozialistischen Partei Frankreichs, aber auch mit diversen Globalisierungsgegnern und sozialen Bewegungen
- Die Anhänger der Linie von Robert Hue (Huistes) verteidigen das Prinzip der Allianz mit der Parti socialiste français im Rahmen der Gauche Plurielle.
- Die Befürworter einer Erneuerung, Patrick Braouezec und Roger Martelli verbunden, kritische Anhänger der Parteiführung unter Buffet, setzen sich für einen losen Zusammenschluss des PCF mit sozialen Bewegungen ein und für eine Öffnung der Listen der Partei für deren Anhänger
Diese drei ersten Gruppierungen bilden die Mehrheit innerhalb der Partei.
- Die ehemaligen Anhänger der Linie von Georges Marchais (Marchaisiens) verteidigen das Prinzip einer Autonomie der Partei im Verhältnis zur Sozialistischen Partei, befürworten dabei aber einen neuen Zusammenschluss der Linken, um wieder ein Gleichgewicht innerhalb der Allianz zugunsten der PCF herzustellen.
- Die Orthodoxen der Regionalorganisation des Départements Pas-de-Calais.
- Die Kommunistische Linke hinter Jean-Jacques Karmann, die zunächst in Opposition zur Parteiführung stand, sich mit der Zeit aber der Linie der Parteimehrheit annäherte.
Präsidentschaftskandidaten
Vor 1958, während der Vierten Republik, wurde der Staatspräsident von den Abgeordnten und Senatoren der Nationalversammlung gewählt, später vom Parlament. Am 21. Dezember übernahm eine Delegation von 80 000 Wahlmännern diese Funktion. Mit den Verfassungsreformen zur Fünfte Republik im Jahre 1962 wurde der Präsident allgemein und unmittelbar vom Volk gewählt.
Siehe auch
Zusammenfassend zur Kurzform der Geschichte der KPF siehe auch unter Kommunistische Partei, die dortigen Unterartikel
- von 1920 bis ca. 1946/47
- von 1948 bis 2002
Weblinks
Deutsch
- http://www.frankreich-experte.de/fr/4/44102.html
Französisch
- [http://www.pcf.fr Kommunistische Partei Frankreichs]
- [http://www.groupe-crc.org/ Kommunistischen Senatsmitglieder]
- [http://www.groupe-communiste.assemblee-nationale.fr/ Kommunistische Fraktion in der Nationalversammlung]
- [http://www.jeunes-communistes.org Parteijugend der PCF]
- [http://www.humanite.presse.fr/ Parteizeitung "L'humanité"]
- [http://le.manifeste.free.fr Das Manifest - Kommunistische Zeitung]
- [http://www.initiative-communiste.fr Kommunistischer Wiederauflebenspol in Frankreich]
- [http://perso.wanadoo.fr/gauchecomm Nachricht kommunistische linke]
Kategorie:Französische Partei
Kategorie:Kommunistische Partei
KommunismusKommunismus (vom lateinischen communis = "gemeinsam") bezeichnet nach allgemeinem Verständnis das Ideal einer klassenlosen Gesellschaft, in der die sozialen Unterschiede zwischen den Menschen aufgehoben sind und das erwirtschaftete Sozialprodukt allen gehört. Dieses Ziel setzt nach der von Karl Marx (1848) geprägten Auffassung die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und dessen Überführung in Gemeinbesitz (Vergesellschaftung) voraus.
Überblick
Der Begriff "Kommunismus" wurde in historisch verschiedenen Zusammenhängen gebraucht und erhielt in den Konflikten kommunistischer Richtungen untereinander divergierende Bedeutungen. Daher bezeichnet er heute mehrere Gesellschaftsentwürfe, deren Umsetzungsversuche und Zielvorstellungen:
- Urkommunismus: eine vermutete, in manchen Überlieferungen belegte Gütergemeinschaft vor-antiker Gesellschaften. Sie wurde im Judentum Bestandteil der Heilserwartung und dort wie später auch im Christentum als "Liebeskommunismus" ansatzweise praktiziert.
- in verschiedenen Entwürfen des „utopischen“ bzw. des "Frühsozialismus": die soziale, nicht nur politisch-rechtliche Gleichstellung aller Menschen in Bezug auf den Besitz (Gemeineigentum, Kollektiv). Dies wurde aus der Gleichheitsforderung der Französischen Revolution von 1789 abgeleitet und in der Pariser Kommune von 1871 als erstem proletarischen Revolutionsversuch in Ansätzen realisiert.
- im Marxismus: die "klassenlose Gesellschaft", die in den sich zuspitzenden Klassengegensätzen des Kapitalismus angelegt und nur durch eine soziale Revolution und anschließende Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu erreichen ist. Sie setzt eine hoch entwickelte kapitalistische Industriegesellschaft voraus und zielt auf das "Absterben" des Staates nach der Übergangsphase einer Diktatur des Proletariats. Die Aufhebung der Klassengegensätze wird durch die weltweite gemeinsame Organisation der Produktion ermöglicht
- im anarchistischen Kommunismus und Anarchosyndikalismus: das Konzept einer Arbeiterselbstverwaltung ohne die Führung einer Parteielite, verwandt mit rätedemokratischen Strukturen (Pierre Joseph Proudhon - vgl. auch Proudhonismus -, Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Gustav Landauer).
- im Leninismus: die „Diktatur des Proletariats“ als Alleinherrschaft einer revolutionären Kaderpartei, die die Staatsmacht erobert, um dann die klassenlose Gesellschaftsordnung durchzusetzen und die Rückkehr neuer kapitalistischer Klassenherrschaft ("Konterrevolution") zu verhindern. Damit wurde der Begriff seit der russischen Oktoberrevolution 1917 auf die Sowjetunion, die von ihr beherrschten Staaten Osteuropas, die Volksrepublik China und Kuba angewandt ("real existierender Sozialismus"). So verstehen ihn auch die K-Gruppen, die sich entweder an einen oder mehrere der bestehenden "kommunistischen" Staaten anlehn(t)en.
- im (orthodoxen) Trotzkismus, der auf die Theorien Leo Trotzkis nach seinem Zerwürfnis mit Stalin und nach seiner Ausweisung aus der UdSSR zurück geht, die Theorie der permanenten Revolution, nach der der Kommunismus im Gegensatz zur in der Sowjetunion geltenden Formulierung des „Aufbaus des Sozialismus in einem Land “ nur weltweit, also durch eine Weltrevolution durchgesetzt werden könne.
- im Eurokommunismus und Reformkommunismus: die Programmatik europäischer Parteien und Gruppen, die einen eigenständigen Kommunismus auf parlamentarischem Weg und Mischformen zwischen Privat- und Staatseigentum an Produktionsmitteln anstreb(t)en.
- in der Kritischen Theorie: die Herausbildung eines neuen "revolutionären Subjekts" aus der "formierten Gesellschaft" des Spätkapitalismus, die den "autoritären Charakter" (Erich Fromm) und "eindimensionalen Menschen" (Herbert Marcuse) sowohl des Faschismus wie auch des orthodoxen Marxismus-Leninismus überwindet. In ihrem Gefolge steht die Wertkritik von Autoren wie Michael Heinrich, Robert Kurz und Moishe Postone und die sich auf sie beziehenden "wertkritischen" und "antideutschen" Gruppen in der heutigen Bundesrepublik.
Frühkommunistische Entwicklungen
Ursprünge in der Antike
Die Vorstellung des Gemeineigentums, das das Privateigentum ablösen soll, setzt die prinzipielle Gleichstellung aller Menschen in Bezug auf den Erwerb ihrer Lebensmittel voraus. Diese Idee ist uralt und schon in manchen Naturreligionen und den monotheistischen Religionen angelegt.
In der Antike war die Sklavenhaltergesellschaft das Normale. Ausnahme war im Vorderen Orient nur das frühe, als lose Amphiktyonie organisierte Israel. Schon die ältesten Gesetzestexte der Bibel enthalten die Forderung, das Land regelmäßig so umzuverteilen, dass jeder Bauer sein Auskommen findet (Lev 25,23):
:Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen für immer. Denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Gäste bei mir.
Die theologische Begründung lautet also: Weil alles Land nur dem Schöpfer der Welt gehört, der sich Israel als Sklavenbefreier bekannt gemacht hat (Ex 3,7), sind menschliche Besitz- und Herrschaftsprivilegien nicht ewig, sondern veränderbar. Die vermeintlichen Herren sind selber nur "Fremde" wie die, die aktuell besitzlos und von ihnen abhängig sind. Die geforderte Gleichstellung der Landbewohner sollte den verarmten, in Sklaverei geratenen Landlosen eine Zukunftsperspektive eröffnen und die Enteignung der Sklavenbesitzer anbahnen.
Dieses Gesetz setzte sich jedoch historisch in Israel nicht durch. In der jüdischen Prophetie wird die gerechte Umverteilung und Überwindung der sozialen Gegensätze daraufhin fester Bestandteil der endzeitlichen Zukunftshoffnung (Jes 65,21f):
:Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse.
Diese Utopie einer gerechten Sozialordnung ohne Ausbeutung, in der alle gemeinsam leben und arbeiten und sich die Früchte ihrer Arbeit aneignen, war hier immer zugleich eine Sozialkritik an der Gegenwart (Am 5,11f):
:Darum, weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt. Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, weil ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor [wo Recht gesprochen wurde] unterdrückt.
Die Verheißung einer gerechten Zukunft für die aktuell Unterdrückten und Bedrängten wird hier zur scharfen Anklage gegen die Unterdrücker; außenpolitische Niederlagen werden als zwangsläufige Folge innenpolitischer Korruption des Rechts durch die Besitzenden gedeutet. Die verheißene Zukunft bildete also einen kritischen Kontrast zur Realitätserfahrung und gegen ungerechte Politik gerichteten Maßstab, der sich in der jüdischen Religionsgeschichte immer wieder Geltung verschaffte.
Dies zieht sich bis zu Jesus von Nazaret, der das alte Gottesrecht des regelmäßigen "Erlassjahres" erneuerte (Lk 4,18-21) und Großgrundbesitzer zur Besitzaufgabe zu Gunsten der Armen einlud (Mk 10,21). In der urchristlichen Gemeinde wird das Gemeineigentum daher als Abbild des kommenden, alle Besitzverhältnisse umwälzenden Reiches Gottes beispielhaft vorweggenommen (Apg 4,44):
:Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und besaßen alle Dinge gemeinsam.
Ähnliche Konzepte einer religiös begründeten Kommune, die nicht nur Armenfürsorge, sondern Gemeineigentum praktiziert, findet man auch im Hellenismus (z.B. bei Pythagoras), später - an jüdische Sozialgesetze angelehnt - im Islam sowie in manchen indianischen Stammesgesellschaften Nordamerikas. Hier wurde jedoch selten ein Umgestaltungsanspruch für die Gesamtheit damit verbunden.
Friedrich Engels hat in seiner marxistischen Epochengliederung der Menschheitsgeschichte angenommen, dass ein Urkommunismus die generelle Lebensform protofamiliarer Stammesgemeinschaften war, bevor mit der Gattenfamilie das eigene Haus und Territorium in Abgrenzung von anderen üblich geworden sei (Über den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 1884, MEW, Bd. 21). Damit hat er den Kommunismus als Erneuerung des "Urzustands" auf höherer Ebene postuliert, die erst von der hochindustrialisierten, arbeitsteiligen kapitalistischen Produktionsweise ermöglicht werde und die uralten Menschheitsträume realisiere.
Frühkommunistische Experimente im Mittelalter
Gesellschaftsveränderung in Richtung soziale Gerechtigkeit war im vom Christentum dominierten Mittelalter kaum möglich, wenn nicht ökonomische Bedingungen und die Berufung auf biblische Tradition zusammenkamen. Während die Großkirchen sich häufig eng an politische Herrschaftssysteme anlehnten und durch Amtsprivilegien mit diesen verflochten waren, knüpften verschiedene Minderheiten im Lauf der Kirchengeschichte Europas an das Ideal der Urgemeinde an.
Manche Orden wie die Franziskaner praktizierten Gemeineigentum als freiwillige Armut in Klöstern in Distanz zur kirchlichen und sozialen Normalität, andere dagegen - etwa die Minoriten - wollten ursprünglich die Kirche insgesamt reformieren und damit die Mehrheitssituation tendenziell verändern.
Vor, während und nach der Reformation tauchte die Idee des Gemeineigentums in verschiedenen Zusammenhängen wieder auf, etwa bei:
- Jan Hus in Prag und den tschechischen Taboriten, die sich von der päpstlich-kaiserlichen Zentralmacht absetzen und auf das Neue Testament gegründete Kommune gründen wollten;
- Hans Böhm im Kontext einer Wallfahrerbewegung, die gegen die ständische Ordnung gerichtet war und Kirchen- und Sozialreformen gegen den korrupten katholischen Klerus und die weltlichen Fürsten verlangte;
- Nikolaus Storch (Zwickau) und Thomas Münzer (Allstedt) , die in Thüringen und Sachsen radikaldemokratische Stadtverfassungen durchzusetzen versuchten; Müntzer schloss sich dann den von Süddeutschland ausgehenden Bauernaufständen an;
- Gerrard Winstanley in Wales, der im Kontext des englischen Bürgerkriegs eine Landkommune aufbaute und damit die Enteignung aller Adeligen als konkrete Zukunftsvision verband.
Keiner dieser oder ähnlicher Reformanläufe konnte sich lange halten. Sie scheiterten meist an den Machtverhältnissen oder inneren Unstimmigkeiten.
Utopischer Sozialismus
Der Humanismus des 16. Jahrhunderts hatte - parallel zu den durch wirtschaftliches Elend hervorgerufenen Bauernaufständen - Ideen einer gerechten, von allen Bürgern gleichermaßen getragenen Gesellschaftsordnung entwickelt, die ihrerseits auf die antike Polis und ihre Demokratie- Vorstellungen zurückgriffen.
Folgenreich war besonders der lateinische Bildungsroman "Utopia" des englischen Staatsrechtlers Thomas Morus von 1516. Ohne den Begriff zu kennen, stellte Morus hier eine Art Kommunismus als Gegenbild zur europäischen Feudalherrschaft dar:
Alle arbeiten und besitzen alles gemeinsam, auch und gerade Grund und Boden (die damaligen Produktionsmittel); zugleich darf jeder dem Glauben anhängen, der ihm gemäß ist.
Im 17. und 18. Jahrhundert machten Naturwissenschaften und Fertigungstechniken rasante Fortschritte. Sie erlaubten im Manufaktur- und Verlagswesen bereits eine Massenherstellung von Produkten, noch ohne maschinelle Produktionsmittel. Dies veränderte die Lebensbedingungen und Interessenlagen für große Bevölkerungsteile enorm.
Im Zuge der Aufklärung entstanden mit der Idee der Menschenrechte Vorstellungen eines gleichberechtigten und herrschaftsfreien Zusammenlebens. In zahlreichen - stets von der Obrigkeit bedrohten - Geheimbünden und Vereinen suchten mittellose Handwerker, Bauern und Intellektuelle ein Forum und Anhänger für ihre Ideen. Sie waren kaum an der wissenschaftlichen Erhebung empirischer Daten interessiert, entwickelten ihre Vorstellungen aber aus der widersprüchlichen Erfahrung enttäuschter Demokratiehoffnungen und relativer Rechtsfortschritte. Doch erst mit der Emanzipation des Bürgertums bekamen diese Ideen eine politische Stoßkraft.
Seit Karl Marx werden diese frühsozialistischen Gleichheits- und Demokratisierungsbestrebungen, die sich auch auf die Ökonomie erstreckten, als Utopischer Sozialismus zusammengefasst. In ihrer Zielvorstellung sind sie mit dem Kommunismus weitgehend einig, auch wenn der Klassenantagonismus und die Frage nach den Bedingungen einer erfolgreichen Revolution noch keine Rolle spielt.
Das Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen
Durch die Aufklärung, die bürgerliche Französische Revolution zum Ende des 18. Jahrhunderts und schließlich die zuerst in England beginnende Industrialisierung Zentraleuropas (vgl. Industrielle Revolution), wurde das 19. Jahrhundert zu einem Jahrhundert bedeutender ökonomischer und sozialer Umwälzungen. Nach Überwindung des Ancien Régime, d. h. der absolutistischen Adelsherrschaft in Frankreich entwickelte auch das aufgeklärte Bürgertum in den benachbarten Staaten revolutionäre Ambitionen, - vor allem in den deutschen und den italienischen Fürstentümern. Einige ihrer Ziele waren die Befreiung von Ausbeutung, Unterdrückung, Leibeigenschaft. Für das vormalig politisch eher einflusslose Bürgertum selbst, den damaligen dritten Stand der Gesellschaft nach Aristokratie und Klerus, war dies verbunden mit der Forderung nach wirtschaftlicher und politischer Emanzipation gegenüber den herrschenden Fürstenhäusern.
Der Aufstieg Napoléon Bonapartes und dessen Eroberungsfeldzüge verbreiteten beispielsweise durch sein Gesetzeswerk, den Code Civil mit neuen bürgerlichen Rechten, europaweit auch Ideen der französischen Revolution. Von vielen Intellektuellen wurden Napoléons Reformen zunächst begrüßt, allerdings trug er auch dazu bei, die Idee des (unabhängigen) Nationalstaats zu verbreiten, und schaffte so bei breiten bürgerlichen Schichten in den eroberten Gebieten auch eine Grundlage für die Opposition gegen sich und seine Herrschaft, die in den Befreiungskriegen letztlich zu seiner Niederlage und seinem Sturz führten. Nach dem Wiener Kongress begann ab 1815 mit der Phase der wesentlich vom österreichischen Staatskanzler Fürst von Metternich geprägten Restauration der Versuch der europäischen Fürsten, die Machtverhältnisse wieder herzustellen, wie sie vor der französischen Revolution geherrscht hatten. Aber die Ideen und Ideale von bürgerlichen Freiheiten und nationaler Einheit hatten sich im Bürgertum festgesetzt. Über Jahrzehnte hinweg kam es in fast ganz Europa immer wieder zu nationalen und bürgerlich-liberalen Aufständen und Revolutionen, die sich gegen die Politik der Restauration wandten (Julirevolution 1830 in Frankreich, verschiedene polnische Unabhängigkeitserhebungen, Risorgimento in Italien, Februarrevolution 1848 in Frankreich, Märzrevolution von 1848/49 in den Staaten des Deutschen Bundes und den außerhalb des Bundes gelegenen österreichischen und preußischen Provinzen).
Ein Teil des Bürgertums hatte Anfang des 19. Jahrhunderts – während einer Zeit, in der jede freiheitliche liberale Äußerung vom herrschenden Adel verfolgt, und Zeitungen zensiert und verboten wurden – erkannt, dass mit dem Entstehen von bürgerlichem Handel und Gewerbe bereits eine neue soziale Sprengkraft entstand. Im Zuge der Industrialisierung entwickelten sich auch neue gesellschaftliche Gruppen, die in der entstehenden Wissenschaft als „Klassen“ bezeichnet wurden. Mit Kapitalisten- und Arbeiterklasse traten soziale Akteure in die Weltgeschichte ein, die – einander bedingend – um die Macht zu kämpfen begannen. Die Arbeit Friedrich Engels’, „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“, wies auf die Verelendung großer Teile des Volkes hin, die nun nicht mehr durch eine herrschende Schicht des Adels, sondern durch die liberale bürgerliche Gesellschaft verursacht wurde. Andere gesellschaftliche Klassen wurden aus dem Fokus der Veränderung zurückgedrängt.
19. Jahrhundert
Das Kommunistische Manifest
Das Kommunistische Manifest von 1848 ist so etwas wie die Gründungsurkunde des modernen Kommunismus, der sich als Gegensatz und Überwindung des Kapitalismus versteht. Es wurde von Karl Marx und Friedrich Engels in London als Programm für den Bund der Kommunisten verfasst.
Dieser Zusammenschluss ging aus dem frühkommunistischen Bund der Gerechten hervor, den der christliche Schneider Wilhelm Weitling gegründet und bis zu seiner Ablösung durch Marx 1847 geführt hatte. Er bestand aus einer Gruppe nach Frankreich emigrierter deutscher Gesellen, Handwerker und linksliberaler Bürger. Weitling grenzte sich bereits seinerseits von den Frühsozialisten (u.a. Proudhon, Saint-Simon, Fourier) ab und propagierte eine nicht nur politische, sondern auch soziale Revolution des Proletariats gegenüber dem Bürgertum. Er strebte die Aufhebung des Geldes als Tauschmittel und den direkten, planvoll und gemeinschaftlich verwalteten Warentausch an.
Das Manifest ist das Ergebnis der ideologischen Abgrenzung, die Marx vom utopischen Sozialismus Weitlings und seiner Vorläufer vollzog. Es propagiert den internationalen Klassenkampf der lohnabhängigen Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie und beschreibt auch die Stellung und Aufgabe der Kommunistischen Partei als „Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat“. Es weist ihr damit einerseits eine politische Führungsrolle, andererseits die Unterordnung unter das proletarische Gesamtinteresse zu: nämlich eine Gesellschaftsform zu finden, in der „jeder nach seinen Fähigkeiten“ tätig sein und „jedem nach seinen Bedürfnissen“ der produzierte Reichtum offen stehen solle.
Als Grundlage der Revolution und der von Marx selbst so genannten globalen Theorie galt der gewaltsame Klassenkampf. Im letzten Abschnitt des Manifests heißt es:
:„Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder – vereinigt euch!“
Von England aus wurde diese Schrift in ganz Europa und darüber hinaus verbreitet. Sie hatte jedoch noch keinen nennenswerten Einfluss auf den Verlauf der bürgerlichen Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes. Erst nach deren gewaltsamer Niederschlagung begannen die Arbeiter, sich nach und nach in eigenen Vereinen, den Vorläufern der Gewerkschaften zu organisieren.
Das "Kapital"
Mit seinem Hauptwerk „Das Kapital“ formulierte Karl Marx eine umfassende „Kritik der politischen Ökonomie“ (Untertitel). Er analysierte hier die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus, die auf der grundlegenden Spaltung der Gesellschaft in Kapitaleigner und lohnabhängig Arbeitende beruhen.
Kapital entstehe, wenn die Zirkulation von Ware, die gegen Geld mit anderer Ware getauscht wird, sich verselbstständigt zu einem Einsatz von Geld zur Warenproduktion, um mit deren Verkauf wiederum mehr Geld (Mehr-wert) zu erzielen. Lebendige Arbeit, die eigentlich menschliche Selbstverwirklichung sein und gesellschaftlich nützliche Produkte herstellen soll, wird dann zur Ware, die es möglichst billig einzukaufen und auszubeuten gilt. Die Arbeiter erhalten also immer weniger Lohn, als der Kapitalist (im Durchschnitt) durch den Verkauf der Ware gewinnen kann (Profit). Dieses "Wertgesetz" ist der Kern des Klassengegensatzes von Kapital, das die Bourgeoisie einsetzt, und Arbeit, die das Proletariat leistet.
Klassenherrschaft ist demnach für Marx keine zufällige, sondern eine gesetzmäßige Folge von Ausbeutung. Diese ist aber kein böser Wille der Kapitalisten, sondern ein Zwang: Um auf dem vom Kapital beherrschten Markt konkurrieren zu können, müssen sie lebendige Arbeit, die den Mehrwert produziert, ausbeuten. Die Konkurrenz, führe zu immer größerer Kapitalkonzentration (Monopol- und Kartellbildung) und damit zwangsläufig zu Absatzkrisen und Kriegen. Sie zwinge die Kapitaleigner dazu, die Arbeitskosten so gering wie möglich zu halten und den größtmöglichen Profit anzustreben, um diesen in technologische Neuerungen investieren zu können. Dies wiederum führe zu einer immer stärkeren Bewusstwerdung der Notwendigkeit eines Umsturzes. Die Revolution zum Sozialismus ist also nach Marx in den kapitalistischen Strukturen selber angelegt.
Damit erscheint die bürgerliche Gesellschaft nicht als moralisch zu verurteilende, sondern als nüchtern zu durchschauende Herrschaftsform, deren Strukturen die Gewalt von Menschen über Menschen zwangsläufig machen. Deren Analyse will die realen Ansatzpunkte zur Umwälzung der Gewaltverhältnisse erkennbar machen.
Dieses dreibändige Werk bildet das Herzstück der Gesellschaftstheorie, die man allgemein als „Marxismus“ bezeichnet. Sie beansprucht im Gegensatz zu allen idealistischen Vorstellungen des Utopischen Sozialismus, des Anarchismus oder eines bürgerlichen Kathedersozialismus, streng empirisch und „wissenschaftlich“ vorzugehen, also durch reale Entwicklungen falsifizierbar und korrigierbar zu sein. Wie andere Wissenschaften des 19. Jahrhunderts - z.B. die Naturwissenschaften, etwa Charles Darwins Evolutionstheorie - will sie ein materialistisches Weltbild gegenüber dem christlich geprägten Irrationalismus etablieren.
Für Marx und Engels war Kommunismus also die revolutionäre Bewegung des „wahren Sozialismus“ der Arbeiterbewegung gegenüber bürgerlichen Strömungen. Später deuteten sie eine Unterscheidung von Sozialismus als Vorform zur klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus an. Dazu äußerten sie sich jedoch bewusst zurückhaltend und knapp.
Marxismus versus Anarchismus
Aus den Ideen der Aufklärung, verbunden mit den sich verstärkenden radikalen Strömungen des revolutionären Liberalismus im Gefolge der französischen Revolution und verschiedenen frühsozialistischen Ansätzen entwickelten sich die Vorstellungen des modernen Anarchismus etwa zeitgleich mit den kommunistischen Ideen von Wilhelm Weitling bis Karl Marx.
Einer der frühen Vordenker des Syndikalismus, Pierre-Joseph Proudhon (vgl. auch Proudhonismus) kam 1840 in seiner Schrift „Qu´est-ce que la propriété ?“ (deutsch: Was ist das Eigentum ?) zum Schluss: „Eigentum ist Diebstahl !“. Damit machte er das Privateigentum - ähnlich wie Karl Marx den Privatbesitz an den Produktionsmitteln zum Grundstock seiner Kritik an den herrschenden nicht nur politischen, sondern auch den sozialen Verhältnissen in der sich entwickelnden kapitalistischen Gesellschaft. Sowohl die Anhänger Proudhons, die seine Theorien später erweiterten und mit der Agitation für eine soziale Revolution verbanden (Michail Bakunin im Kollektivistischen Anarchismus, Pjotr Kropotkin im Anarchistischen Kommunismus stimmten mit Marx und Engels überein in der Einschätzung der Notwendigkeit einer sozialen Revolution mit einer radikalen Umwälzung der Besitzverhältnisse, insofern auch der Zielvorstelung des Kommunismus als einer klassenlosen Gesellschaft.
Allerdings kristallisierten sich schon in der frühen Korrespondenz zwischen Marx und Proudhon sehr unterschiedliche Auffassungen um die Frage der Macht, der Freiheit des Individuums, der Rolle des Kollektivs als revolutionärem Subjekt und anderen philosophisch-ethischen Grundsätzen heraus. Diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen gegenüber den gemeinsamen Zielvorstellungen eskalierten während der gemeinsamen Zeit der Organisation in der ersten Internationale Internationale Arbeiterassoziation (IAA)) zwischen 1864 und 1872 zu einem grundsätzlichen ideologischen Konflikt zwischen den Anhängern Bakunins und denen von Marx.
Bakunin lehnte die führende Rolle einer revolutionären Kaderpartei ebenso ab wie staatliche Hierarchien und verwarf damit Marx´ Forderung nach der Gründung kommunistischer Parteien als revolutionäre Elite in den einzelnen Staaten ebenso wie die These von der „Diktatur des Proletariats“. An diesem Konflikt zerbrach die erste Internationale, nachdem Bakunin 1872 aus ihr ausgeschlossen wurde. 1876 erfolgte die offizielle Auflösung der IAA.
Diese Auseinandersetzung zwischen revolutionären Anarchisten und Marxisten bedeutete die erste entscheidende Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts - noch vor dem Konflikt um die Frage „Reform oder Revolution zur Durchsetzung des Sozialismus“, die Ende desselben Jahrhunderts den Beginn der Spaltung der Sozialdemokratie in revolutionär-kommunistische und reformistisch-sozialdemokratische Parteien einläutete.
Folgende Abgrenzungen vom Marxismus werden von Anarchisten, wie hier von Rocker u.a., fast grundsätzlich getroffen:
- Ablehnung der von Hegel geprägten marxistischen „Schicksalstheorien“. In der Geschichte gebe es überhaupt keine Zwangsläufigkeiten (‘historischen Notwendigkeiten’, ‘Zwangsläufigkeit des historischen Geschehens’), „sondern nur Zustände, die man duldet und die in Nichts versinken, sobald die Menschen ihre Ursachen durchschauen und sich dagegen auflehnen“ (Rocker).
- Ablehnung des „Historischen Materialismus“. Aus den wirtschaftlichen Verhältnissen könnten nicht alles „politische und soziale Geschehen" erklärt werden.
- Der Anarchismus begreift die Menschen als handelnde Individuen, lehnt die Betrachtung von Menschen als Masse ab.
- Grundsätzliche Ablehnung eines Staates. Die Produktionsmittel von der Privatwirtschaft einem Staates zu übergeben, „führt lediglich zu einer Diktatur durch den Staat“ (Rocker).
- Ablehnung von Gesetzen und Gesetzgebern. Entscheidungen werden im dezentral, kollektiv und im Konsens entschiede. „Nur das freie Übereinkommen,“ könnte“ das einzige moralische Band aller gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander sein".(Rocker)
- Ablehnung einer Übergangsphase vom Kapitalismus zum Sozialismus. Der „Wille zur Macht“ müsse in einer freien Gesellschaft grundsätzlich bekämpft werden.
- Radikale Ablehnung aller kapitalistisch geprägten Begriffe. „Sämtliche Wertbegriffe, wie wir sie heute kennen, sind samt und sonders kapitalistische Begriffe. Luft, Sonnenlicht, Regen, Erdfeuchtigkeit, Humus, kurz, viele der wichtigsten Produktionsfaktoren sind, weil sie nicht monopolisiert werden konnten, heute kapitalistisch wertlos. (…) Mit dem Aufhören des Eigentumsbegriffes an Produktionsmitteln hört auch jeder Wertbegriff für den einzelnen auf.“ (Pierre Ramus, Franz Barwich)
Andere Kommunismus-Begriffe
In der frühen Soziologie sind auch andere Kommunismusbegriffe erarbeitet worden. So bezeichnet Ferdinand Tönnies in „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887) im Untertitel den Kommunismus als „empirische Kulturform“. Dieser ist nach seiner Theorie aber nur in überschaubaren Gemeinschaften möglich; hingegen geht es in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen immer nur um den „Socialismus“. Da bei ihm zwar eine Gesellschaft aus Gemeinschaften hervorgehen kann, er den umgekehrten Prozess aber für unmöglich hält, kann bei ihm aus Sozialismus auch nie Kommunismus werden. Auch Max Weber sieht Kommunismus als Vergemeinschaftung, wenn er zum Beispiel auf den ‚Familienkommunismus‘ und den ‚Mönchskommunismus‘ hinweist.
Verhältnis zur Frauenbefreiung
Bei allen frühen kommunistischen und sozialistischen Vorstellungen wurde allerdings nicht von der Gleichheit der Geschlechter ausgegangen und meist nicht auf eine individualistische Konzeption, sondern auf Familie als gemeinschaftliche Basis Bezug genommen. Das gilt für frühsozialistische Modellgemeinden, etwa die von Robert Owen, bis hin zur Räterepublik, wie sie in Deutschland 1918 angestrebt wurde. In letzter sollten Betriebe (und soldatische Einheiten) die Vertreter der Basis in die höheren Gremien entsenden, die strukturell keine Gleichheit der Geschlechter aufwiesen, sondern fast nur aus Männern bestanden. Erst später wurde auch die Familie an sich kritisiert.
Die Kritik der besonderen Unterdrückung der Frau war – oft in Anknüpfung an Fouriers „Der Stand der Frau kennzeichnet den Stand der Gesellschaft“ – immer wieder besonderes Element der Arbeiten von Marx und Engels. Nach ihren Vorstellungen würde mit Abschaffung der Klassengesellschaft auch die Unterdrückung der Frau enden, so wie überhaupt die „Herrschaft des Menschen über den Menschen“. Bereits im Kommunistischen Manifest bekannten sie sich zum kommunistischem Programm der Aufhebung der Familie durch freies Lieben, Aufhebung der „Stellung der Weiber als bloße Produktionsinstrumente“ sowie der „Ausbeutung der Kinder durch ihre Eltern“ und zur gesellschaftlichen Erziehung der Kinder.
In den entstehenden sozialistisch-kommunistischen Staaten waren zwar formal die Geschlechter meist gleichgestellt, nicht aber im Alltag. Auch wenn in der Produktion Frauen eine den Männern ähnliche Stellung aufwiesen, waren sie im Haushalt doch weiterhin patriarchalen Strukturen unterworfen.
20. Jahrhundert
Kommunismus versus Reformismus
Um die Jahrhundertwende bezog sich die europäische Sozialdemokratie theoretisch meist auf Karl Marx und das Kommunistische Manifest. Sozialistische Parteien teilten trotz vorhandener interner Konflikte das Ziel einer kommunistischen Gesellschaftsordnung, die sie begrifflich allenfalls graduell vom Sozialismus unterschieden.
Ende der 1890er Jahre verloren die Begriffe jedoch ihre Eindeutigkeit, da sich nun ein Gegensatz zwischen den Flügeln der eher gewerkschaftlich orientierten "Reformisten" und der revolutionären "Marxisten" entwickelte. Sowohl 1899 in der deutschen wie 1903 in der russischen Arbeiterbewegung gab es einen Machtkampf beider Richtungen. In der SPD löste der Mitautor des Erfurter Programms von 1890, Eduard Bernstein, die Revisionismusdebatte aus. Er forderte Verzicht auf das Ziel der proletarischen Revolution, da der Kapitalismus sich flexibel zu modernisieren und der Arbeiterschaft auch auf parlamentarischem Weg Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand zu erlauben schien. Obwohl die Parteimehrheit dies ablehnte, setzte sich der Reformismus bis zum 1. Weltkrieg in ihr durch.
Eine Ursache dafür war die mit Wahlerfolgen zunehmende Einbindung sozialdemokratischer Partei-Eliten in Ämter und Privilegien, so dass ihre Vertreter andere Interessen als die Masse ihrer Wählerschaft entwickelten. Deren Alltagskampf um bessere Lebensbedingungen verlor das Ziel der Umwälzung der Produktionsverhältnisse aus dem Blick. Die politische Machteroberung schien vielen nun auch auf legalem, nicht revolutionärem Weg erreichbar. Dies war eine wesentliche Voraussetzung für die Zustimmung der SPD-Reichtagsfraktion zu den Kriegskrediten. Das Heraufziehen des 1. Weltkriegs verstärkte auch bei anderen sozialistischen Parteien nationalstaatliche Prioritäten und untergruben den proletarischen Internationalismus, wie ihn Marx postuliert hatte. Daran zerbrach die Zweite Internationale.
Darauf spalteten sich revolutionäre Gruppen von den meisten sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien ab und gründeten neue, nun ausdrücklich kommunistische Parteien: besonders nach der erfolgreichen russischen Oktoberrevolution von 1917. Hier setzten die Bolschewiki die Maßstäbe für die folgende Entwicklung in Russland und etablierten mit der KPdSU eine neue Staats- und Gesellschaftsführung.
Seit der Gründung der Dritten Internationale im Jahr 1919 unter Führung Lenins, ab 1924 Stalins, war die Spaltung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten unüberwindbar. Seitdem wird Kommunismus im allgemeinen Verständnis der meisten westlichen Gesellschaften fast immer mit Diktatur, Demokratie vor allem mit Wirtschaftsliberalismus gleichgesetzt, obwohl auch Kommunisten Demokratie, Sozialisten auch Verwirklichung von Gerechtigkeit und Gleichheit beanspruchen.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gewann der sogenannte Realsozialismus - besonders seit der erfolgreichen Revolution Mao Zedongs in der Republik China - ein weltpolitisches Gegengewicht zu den marktwirtschaftlich ausgerichteten Ländern unter Führung der USA. Dieser Gegensatz bestimmte den Kalten Krieg und die im Westen herrschende Definition von "Kommunismus". Sie setzten oft auch sozialistische und sozialdemokratische Parteien unter Druck, da diese sich gegen Diffamierungen, etwa als "fünfte Kolonne Moskaus" (Parole Konrad Adenauers), wehren mussten.
Da viele der realsozialistischen Staaten Vorschläge und Maximen von Marx aufgriffen und mit der Staatsideologie des Marxismus-Leninismus zu realisieren behaupteten, werden ihre Systeme oft als folgerichtiges Ergebnis der ursprünglichen Ideen von Karl Marx betrachtet. Gemeinsame Merkmale der sich so nennenden „Volksdemokratien“ oder „Volksrepubliken“ wie die Alleinherrschaft einer Kommunistischen Partei werden von Befürwortern wie Gegnern oft mit der von Marx intendierten "Diktatur des Proletariats" identifiziert.
Karl Marx selbst und Lenin unterschieden zwischen einer niederen (Diktatur des Proletariats) und einer höheren Stufe des Kommunismus (klassenlose Gesellschaft), wobei Lenin die niedere Stufe auch als Sozialismus bezeichnete. Diese Einteilung hat sich im Begriff „real existierender Sozialismus" durchgesetzt, der das Selbstverständnis jener Staaten bezeichnet, die sich in einer sozialistischen Übergangsphase zum Kommunismus befindlich sahen.
Auch Marx forderte das "Primat der Partei" für die kommende Revolution; aber deren Alleinherrschaft war für ihn allenfalls Mittel zum Zweck der Eigenherrschaft des Proletariats, die alle Herrschaft aufhebt und auflöst. Erst Lenin schuf eine "Partei neuen Typs", die nach seinem Prinzip des demokratischen Zentralismus von "oben nach unten" organisiert war. Erst Stalin führte diese Partei zur unumschränkten Alleinherrschaft ohne gesellschaftliches Korrektiv durch unabhängige Gewerkschaften oder Parlamente.
Die Auseinandersetzungen zwischen "Sozialdemokraten" (Reformisten) und "Kommunisten" (Stalinisten) in der Weimarer Republik, besonders die von Stalin propagierte Sozialfaschismusthese, begünstigten die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Damit war auch der Begriff des "Sozialismus", der im 19. Jahrhundert weithin mit Demokratie gleichgesetzt wurde, ein weiteres Mal von totalitärer faschistischer Herrschaft korrumpiert.
Aufstieg des „real existierenden Sozialismus“
Mit der Oktoberrevolution 1917 entstand zunächst in Russland erstmals ein Realsozialismus, der allmählich den Kommunismus aufbauen und realisieren wollte. Daher steht dieser Begriff seitdem besonders für die Sowjetunion, ihr System und ihre Ideologie.
Die Bolschewiki mussten sich im Bürgerkrieg teilweise auch gegen einstige Verbündete behaupten. Sie dehnten ihre Herrschaft dabei auch auf benachbarte Länder aus. 1922 gründete sich daraus die "Union der sozialistischen Sowjetrepubliken" (UdSSR, kurz: SU).
Das sozialistische Rätesystem war die soziale Basis für den Aufstieg der Bolschewiki und ihren Revolutionserfolg 1917 gewesen. Doch im Verlauf des Bürgerkriegs kam es zu Hungersnöten und Aufständen. Nach dem Kronstädter Matrosenaufstand 1921 entmachtete Lenin die Sowjets, um die Alleinherrschaft seiner Partei zu bewahren. Marxistisch orientierte Gesellschaftsanalytiker wie Karl August Wittfogel, Rudolf Bahro und Rudi Dutschke sahen hier eine Hauptursache für die spätere Inflexibilität der Parteibürokratie, die die SU langfristig scheitern ließ.
1922 leitete Lenin seine Neue Ökonomische Politik ein, um unter staatlicher Aufsicht Eigeninitiative und Gewinnstreben der Bauern anzuregen und so ihre Erträge zu steigern. Damit wollte er für eine Übergangszeit Selbstversorgung und Entfaltung von Marktstrukturen zulassen, um die Landwirtschaft später erneut zu verstaatlichen.
Noch bis 1923 setzte Lenin nach der Novemberrevolution auf den Sieg der deutschen Revolutionäre, um die junge SU aus ihrer außenpolitischen Isolation zu führen und einen Anstoß zur Weltrevolution zu schaffen. Doch nach dem Scheitern der Ruhrkämpfe und des Hamburger Aufstands sah er sich genötigt, die "Diktatur des Proletariats" in Russland auf unbestimmte Zeit beizubehalten: ausgerechnet in einem Land, das kaum Industriearbeiter und entwickelte kapitalistische Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umgestaltung zum Sozialismus und Kommunismus besaß. - Kurz vor seinem Tod 1924 warnte Lenin testamentarisch vor Stalins Despotie, für die er selbst die Weichen gestellt hatte.
Stalin entmachtete im Machtkampf in der KPdSU bis 1927 die "Linke Opposition" um Trotzki und Kamenew und erreichte damit die Alleinherrschaft. Dazu bediente er sich wie Lenin im Bürgerkrieg des Geheimdienst-Terrors der Tscheka, wie ihn schon die zaristische Ochrana geübt hatte. Mit Zwangsumsiedlungen, Zwangsarbeitslagern (Gulags), "Säuberungen" und der Errichtung eines Personenkults festigte er dann seine Diktatur. Mit brutalem Zwang begann er zudem eine rigide Industrialisierung, Zentralisierung der Wirtschaft in riesigen Staatsbetrieben und Kollektivierung der Landwirtschaft, um die sowjetische Produktivität an die westlichen Industrieländer heranzuführen. 1928 führte er die Planwirtschaft flächendeckend ein.
Ebenso wie in der SU etablierte Stalin in der Kommunistischen Internationale den Marxismus-Leninismus als neue Herrschaftsdoktrin und sorgte für die scharfe Abgrenzung gegen alle Kräfte, die die Führungsrolle der SU und den "Sozialismus in einem Land" ablehnten: vor allem den "Trotzkismus" auf der einen, den "Sozialfaschismus" (Sozialdemokratie) auf der anderen Seite. Das verhinderte in Europa wie auch in China wirksame Allianzen von Sozialreformern und Kommunisten. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpften Anarchisten, Demokraten und Kommunisten letztmals gemeinsam, aber erfolglos gegen Franco.
Von 1936 bis 1938 erreichte Stalins "Säuberungs"-Politik ihren grausamen Höhepunkt: Er ließ nun auch die Generation der Oktoberrevolutionäre als seine möglichen innenpolitischen Gegner verbannen und ermorden, darunter die meisten hohen Führungsoffiziere der Roten Armee. Dies war mit ein Grund für den Molotow-Ribbentrop-Pakt von 1939, der ihm Zeitgewinn zur militärischen Reorganisiation verschaffen sollte.
Trotzkismus
Maoismus
Die Volksrepublik China sah sich nach der Revolution 1949 als besonderer Teil des "Weltkommunismus" und pflegte die „Bruderfreundschaft“ mit der SU unter Stalin. Nach dessen Tod 1953 und der durch Chruschtschow 1956 eingeleiteten Entstalinisierung trennten sich jedoch die Wege: Mao kündigte der SU die Gefolgschaft. Seitdem war das "kommunistische Lager" in zwei verfeindete Großstaaten mit ähnlicher Staatsideologie, aber konkurrierenden Führungsansprüchen gespalten. Die SU vertrat nun die Linie einer Friedlichen Koexistenz mit dem Kapitalismus, während China auf der "permanenten Revolution" (Trotzki) bestand. Zu seinem Einflussbereich gehörten vor allem Nordkorea und Nordvietnam, zeitweise auch Kambodscha und Laos, während Indien und die Kaukasusregion sich eher an die Sowjetunion anlehnten.
In vielen Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas führten die „Blockmächte“ USA, SU und China Stellvertreterkriege miteinander. Der Koreakrieg (1950-1953) z.B. war eigentlich ein chinesisch-amerikanischer Konflikt, in dem die USA erstmals nach Hiroshima wieder den Einsatz von Atombomben erwogen. In der Mongolei wiederum stritten die SU und China mit Drohgebärden und militärischen Scharmützeln um Grenzverläufe. Sie unterstützten auch in der "Dritten Welt" verschiedene revolutionäre Gruppen und Ziele. Die Roten Khmer in Kambodscha etwa beriefen sich zeitweise auf den „Maoismus“. Ihrer kurzen Herrschaft (1975-1979) fielen bis zu 2 Millionen Menschen zum Opfer.
Kommunistische Befreiungsbewegungen
Diese Entwicklung entsetzte viele Sozialisten und Kommunisten weltweit, die aber angesichts des aufstrebenden Faschismus dennoch nicht ihre grundsätzliche Solidarität zur SU aufgaben. Infolge des 2. Weltkriegs dehnte diese ihren Machtbereich nach Osteuropa aus und übertrug ihr System nach 1945 auf die von ihr besetzten Staaten. Sie wurden im Westen als „Ostblock“ bezeichnet, weil sie keine reale Autonomie besaßen, sondern faktisch Satellitenstaaten der vom Politbüro gelenkten KPdSU waren.
Gegenüber dem europäischen Imperialismus und Kolonialismus hatten die Ideen von Karl Marx schon seit 1900 auch in vielen nichtindustrialisierten, vom Weltmarkt und westlicher Hegemonie beherrschten Ländern Anhänger gefunden. Mit dem opferreichen Sieg der SU über Hitlerdeutschland und dem folgenden Kalten Krieg gewann die Vorstellung des Antagonismus zweier "Lager" nach 1945 auch unter ihnen neue Plausibilität. Viele Befreiungsbewegungen griffen den "Marxismus-Leninismus" nun auf und entwickelten ihn als antiimperialistische Ideologie für ihre eigenen Situationen weiter.
Titoismus
Der "Kommunismus" als staatliche und weltpolitische Zustandsbeschreibung differenzierte sich im Verlauf des Kalten Krieges weiter: Mit Jugoslawien unter Tito und Rumänien unter Ceausescu kamen zwei verschiedene Sonderformen einer relativen Unabhängigkeit vom sowjetischen Führungsanspruch hinzu, die aber ihrerseits autoritäre Ein-Parteien-Diktaturen hatten.
Reformkommunismus Ost
In den Ostblockstaaten mit einer älteren demokratischen Tradition gab es seit 1953 Anläufe zu Eigenständigkeit und Abnabelung vom "großen Bruder" in Moskau. Diese Bemühungen um Reformen auf weiterhin staatssozialistischer Grundlage lassen sich als "Reformkommunismus" einordnen. Sie begannen mit dem eher anti- als reformkommunistischen Volksaufstand des 17. Juni 1953 in der DDR, der zuerst Arbeitszeit- und Lohnreformen forderte, dann das Machtmonopol der SED in Frage stellte und auch schon die Deutsche Einheit anvisierte. Sie führten etwa 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei (damals CSSR) zu einer Wiederbelebung der Räte und der Genossenschaften in Verbindung mit einer vorsichtigen Liberalisierung der Wirtschaft und Zulassung von Privatunternehmen. Diese Versuche waren stets von breiten Bevölkerungsschichten getragen und wurden immer dann gewaltsam von der Roten Armee niedergeschlagen, wenn die Loslösung von der SU in Reichweite kam. Ihren Einmarsch in Polen vermied 1980 nur knapp das zuvor von General Wojciech Jaruzelski verhängte Kriegsrecht.
Eurokommunismus West
In Westeuropa waren kommunistische Bewegungen bis zum Zweiten Weltkrieg in vielen Staaten verbreitet. Nach dem Krieg gab es vor allem in Frankreich und Italien bis in die 80er Jahre starke kommunistische Parteien; sehr dogmatisch auf Sowjet-Kurs in Frankreich, während in Italien der so genannte „Eurokommunismus“ entstand, der sich an die Sozialdemokratie annäherte.
In Westdeutschland, wo die Kommunistische Partei
Frankreich
Frankreich (franz.: La France) ist ein demokratischer, noch immer stark zentralistischer Einheitsstaat im Westen Europas. Es grenzt an Belgien, Luxemburg, Deutschland, die Schweiz, Italien, Monaco, Spanien, Andorra, an den Atlantik mit dem Ärmelkanal und an das Mittelmeer. Neben dem Territorium in Europa gehören zu Frankreich Überseegebiete in der Karibik (u. a. Saint-Martin, das eine Landgrenze mit dem niederländischen Sint Marteen aufweist), Südamerika (Französisch-Guayana, das Landgrenzen zu Brasilien und Surinam hat), vor der Küste Nordamerikas, im Indischen Ozean und in Ozeanien.
Geographie
Hauptartikel: Geographie Frankreichs
Insgesamt hat das „französische Mutterland” in Europa eine Fläche von 543.965 km². Frankreichs Landschaftsbild prägen überwiegend Ebenen oder sanfte Hügel im Norden und Westen. Der Rest ist gebirgig, Hauptgebirge sind die Pyrenäen im Südwesten, das Zentralmassiv und die Alpen im Südosten. Der höchste Berg Frankreichs und höchster Berg Europas ist der Mont Blanc (4.808 Meter). Aufgrund seiner Form wird Frankreich auch als l'Hexagone (Sechseck) bezeichnet.
Mit Abstand wichtigste und größte Stadt in Frankreich ist die Hauptstadt Paris mit rund 12 Millionen Einwohnern im Großraum Paris (Region Île-de-France). Die Großräume um Marseille, Lille und Lyon haben ebenfalls mehr als eine Million Einwohner.
Siehe auch: Städte in Frankreich, Nationalparks in Frankreich
Geschichte
Nationalparks in Frankreich
Hauptartikel: Geschichte Frankreichs
Durch die Französische Revolution 1789 wurde die mehr als 1.200 Jahre währende Monarchie gestürzt. So begann eine Periode des Umbruchs, in der wechselnd republikanische, napoleonisch-imperiale und monarchistische Staatsformen herrschten. Seit der Niederlage Napoleons III. 1870 ist Frankreich endgültig Republik.
Im Ersten und Zweiten Weltkrieg war Frankreich einer der Hauptgegner Deutschlands. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Frankreich seine größten Kolonien, Vietnam und Algerien, nach kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit 1958 (Fünfte Republik) hat der Präsident umfassende Exekutivgewalt. Beim europäischen Einigungsprozess spielt Frankreich heute gemeinsam mit Deutschland eine tragende Rolle.
Politik
Politisches System
Frankreich ist eine zentralistisch organisierte Demokratie mit einem semi-präsidentiellen Regierungssystem. In der Verfassung der V. Republik nimmt der direkt durchs Volk gewählte Staatspräsident eine starke Stellung ein. Er ernennt den Premierminister und das Kabinett, hat gegenüber Gesetzbeschlüssen des Parlaments ein Veto-Recht und kann die Nationalversammlung auflösen. Das Parlament besteht aus zwei Kammern, der Nationalversammlung (Assemblée Nationale) mit 577 vom Volk gewählten Abgeordneten und dem indirekt gewählten Senat mit 331 Mitgliedern.
Siehe auch:
Politisches System Frankreichs, französische Regierung, Francophonie, französische Präsidenten, französische Premierminister, Cohabitation, Finanzministerium
Aktuelle politische Lage
Finanzministerium
Momentan stellt die Partei UMP unter Führung des früheren Wirtschaftsministers und aktuellen Innenministers Nicolas Sarkozy mit 363 Sitzen die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung.
Am 29. Mai 2005 wurde die neue EU-Verfassung mit 54,87% Gegenstimmen von der Bevölkerung abgelehnt. Darauf trat die Regierung des seit 2002 amtierenden Premierministers Jean-Pierre Raffarin zurück. Als neuer Premierminister wurde Dominique de Villepin eingesetzt.
Seit dem 27. Oktober 2005 wird Frankreich von einer Welle gewalttätiger Ausschreitungen heimgesucht. Angefangen in der Pariser Banlieue, griffen die Unruhen inzwischen auf viele, über das gesamte Land verteilte, Großstädte wie Lille, Rouen, Nizza oder Marseille über. Auslöser war der Tod zweier Jugendlicher im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois, welche sich vor der Polizei in einem Starkstromhaus verstecken wollten.
Die Regierung hat zwischenzeitlich den Notstand ausgerufen und es somit den Präfekten der Départements ermöglicht, in besonders stark betroffenen Gebieten Ausgangssperren zu verhängen.
Bisher haben die Ausschreitungen einem Menschen das Leben gekostet und viele Schwerverletzte hervorgebracht.
Außen- und Sicherheitspolitik
Frankreich war 1949 Gründungsmitglied des Nordatlantikvertrages (NATO) und erhielt militärischen Schutz durch die USA. Mit der Machtübernahme von de Gaulle 1958 änderten sich die Beziehungen zu den USA und zu der von den USA dominierten NATO. Unter de Gaulles Führung entwickelte sich Frankreich 1960 zu einer Atommacht und verfügte ab 1965 mit der Force de Frappe über Atomstreitkräfte, die zunächst 50 mit Atombomben (Kernwaffen) ausgestattete Flugzeuge in Dienst stellte. 1968 hatte Frankreich bereits 18 Abschussrampen für Mittelstreckenraketen aufgestellt, die 1970 und 1971 mit Atomsprengköpfen ausgestattet wurden. 1968 verlässt Frankreich den militärischen Teil der NATO, bleibt aber im politischen Teil des Bündnisses integriert. In den 1970er Jahren erweiterte Frankreich ihre Atommacht auch auf See. Vier Atom-U-Boote verfügten über jeweils 16 atomar bestückten Mittelstreckenraketen.
In der aktuellen Außenpolitik bemüht sich Frankreich um ein gutes Verhältnis zu seinem Nachbarn Deutschland (siehe auch „Kerneuropa“) und steht mit diesem gemeinsam der Vormachtstellung der USA mit einer gewissen Skepsis gegenüber.
Dies führte zu einem Austritt Frankreichs aus der militärischen Organisation der NATO und vielen Eigeninitiativen Frankreichs in weltpolitischen Entscheidungen.
Hinzu kommt ein Engagement auch nach Ende der Kolonialherrschaften in Afrika, wo Frankreich bis heute in vielen Ländern die bestimmende Ordnungsmacht geblieben ist.
Frankreich ist zudem ständiges Mitglied im UNO-Sicherheitsrat mit Vetorecht.
Die Todesstrafe wurde in Frankreich 1981 abgeschafft.
Siehe auch: Fremdenlegion, Gendarmerie Nationale
Administrative Gliederung
Frankreich ist in 26 Regionen aufgeteilt, welche sich ihrerseits in 100 Départements untergliedern. Zweiundzwanzig dieser Regionen befinden sich im europäischen Kernland (France métropolitaine), darunter auch die Mittelmeerinsel Korsika, welche allerdings als collectivité territoriale einen Sonderstatus hat. Die übrigen vier Regionen bestehen aus jeweils nur einem Département und werden daher Départements et régions d'outre-mer (D.R.O.M.) genannt (bis zur Verfassungsänderung 2003 Départements d'outre-mer, Abk. D.O.M.). Im Deutschen spricht man von Überseedépartements. Im Einzelnen handelt es sich dabei um Guadeloupe (971), Martinique (972), Französisch-Guayana (973) und La Réunion (974).
Abgesehen davon gibt es
- die Départementskörperschaft (Collectivité départementale, Abk. C.D.) Mayotte (976)
- die Gebietskörperschaft (Collectivité territoriale, Abk. C.T.) Saint-Pierre und Miquelon (SPM)
- die vier Überseeterritorien (Territoires d'outre-mer, Abk. T.O.M.) Französisch Polynesien (P), Neukaledonien (NC), Wallis und Futuna (WF) und die Französischen Süd- und Antarktisgebiete (Terres australes et antarctiques françaises, T.A.A.F.)
- die Îles éparses und die Insel Clipperton
Die D.R.O.M. sind wie das französische Kernland Teil der EU, für die T.O.M. gilt das nicht. Auch in Frankreich erlassene Gesetze gelten in den TOM nur, wenn dies ausdrücklich erwähnt ist.
Siehe auch: Liste der französischen Regionen, Liste der französischen Départements (nach Regionen geordnet)
Demographie
Zum 1. Januar 2004 wurde die Bevölkerung, einschließlich der Menschen in den Überseegebieten, auf 61,9 Millionen geschätzt. Nach Deutschland nimmt Frankreich in der EU den zweiten Platz bei der Bevölkerungszahl ein. Innerhalb der EU hat Frankreich einen Bevölkerungsanteil von 13 %.
Im Jahre 2003 kamen auf 792.600 Geburten 560.300 Sterbefälle, das entspricht einem Überschuss von 232.300 Personen. 2004 betrug die Geburtenrate 1,9.
Am Stichtag 1. Januar 2004 waren 16,2 % der Bevölkerung älter als 65 Jahre, gegenüber 14,6 % im Jahre 1994. Im selben Zeitraum ist der Anteil der unter 20-Jährigen von 26,7 % auf 25,3 % gesunken.
2003 wurden 280.300 Ehen geschlossen, das sind 6.000 (-2,1 %) weniger als 2002, wobei das Durchschnittsalter bei den Männern 30,4 Jahre und bei den Frauen 28,3 Jahre betrug.
Die Kindersterblichkeit beträgt zur Zeit 4,28 ‰.
Der durchschnittliche männliche französische Staatsbürger hat eine Lebenserwartung von 76,7 Jahren, während die Frauen auf 83,8 Jahre kommen.
Ethnische Gruppen
- Franzosen
- Bretonen
- Basken
- Italiener (einschließlich Korsen)
- Elsässer/Alemannen, Rheinfranken/Franken
- Flamen (Niederfranken)
- 4,5 Millionen Araber
- Katalanen
- Flamen
- Polen
- andere Ausländer
Neben der (einzigen) Amtssprache Französisch gibt es zahlreiche Minderheitssprachen, über deren Sprecherzahlen aber keine auch nur halbwegs gesicherten Daten vorliegen:
- Bretonisch,
- Deutsch in den Dialekten
- Elsässisch (Elsass)
- Rheinfränkisch bzw. Lothringisch (nördliches und östliches Lothringen),
- Niederfränkisch bzw. Flämisch (Flandern, an der Grenze zu Belgien),
- Baskisch (in den zentralen und östlichen Pyrenäen),
- Katalanisch (im Roussillon),
- Korsisch,
- Italienisch (an der französischen Riviera),
- Okzitanisch (in Südfrankreich) mit dem Dialekt
- Provenzalisch (nur noch wenige Sprecher)
- Polnisch
Daneben existieren in Nordfrankreich mehrere enger mit dem Französischen verwandte romanische Oïl-Sprachen, die teilweise als französische Dialekte angesehen werden: Picard, Normannisch, Gallo, Poitevin-Saintongeais, Champanois und Morvandiau.
Religionen
Frankreich ist offiziell ein laizistischer Staat, das heißt, Staat und Religionsgemeinschaften sind vollkommen voneinander getrennt. Da von staatlicher Seite keine Daten über die Religionszugehörigkeit der Einwohner erhoben werden, beruhen alle Angaben über die konfessionelle Zusammensetzung der Bevölkerung auf Schätzungen oder den Angaben der Religionsgemeinschaften selbst und weichen deshalb oft erheblich voneinander ab, weshalb auch die folgenden Zahlen mit Vorsicht zu behandeln sind.
85 % der Franzosen sind katholisch (also etwa 51 Mio.) und etwa 8 % Muslime (etwa 4,8 Mio.). Daneben gibt es protestantische und jüdische Minderheiten, die zusammen etwa 3 % ausmachen. 4 % gehören keiner Religion an, Tendenz davon steigend. Das sind jedoch Schätzungen.
Bildungswesen
Wie in fast allen europäischen Staaten (Ausnahme: z. B. Deutschland) herrscht eine Bildungspflicht, die im Ggs. zur Schulpflicht auch durch Hausunterricht (Homeschooling) oder durch selbstständiges Lernen abgegolten werden kann. Die Zahl der unbeschulten Kinder und Jugendlichen wird gegenwärtig auf etwa 10.000 geschätzt.
Der Staat bietet folgende Schulformen an:
Lernen
- Vorschule: Maternelle
- Grundschule: école élémentaire
- weiterführende Schulen: collège (das mit dem brevet abgeschlossen wird), gefolgt von
- lycée
- lycée professionnel
- oder CFA für Auszubildende in Betrieben
- Hochschulreife:
- baccalauréat nach insgesamt 12 Schuljahren; nach elf Schuljahren wird je nach Schulzweig (naturwissenschaftlich, wirtschaftlich oder literarisch) schon ein Teil der Prüfungen bewältigt
- baccalauréat professionnel nach 13 Schuljahren für Abgänger des lycée professionnel oder des CFA
- Studium (1. und 2. Jahr):
- Normalweg: DEUG
- Eliteweg: classe préparatoire (zur Vorbereitung auf Grande école)
- Studium (3. und 4. Jahr):
- Normalweg: licence und maîtrise oder école d'ingenieur oder école de commerce
- Eliteweg: Grande école (ENS, ENA etc.)
- Studium (5. Jahr):
- DESS oder DEA. Letzteres dient auch zur Auswahl für eine eventuell sich anschließende Doktorarbeit (thèse)
Im Zuge der europaweiten Harmonisierung der Studienabschlüsse im Rahmen des Bologna-Prozess wird auch an französischen Hochschulen das System LMD eingeführt. LMD bedeutet, dass nacheinander die Licence bzw. Bachelor (nach 3 Jahren), der Master (nach 5 Jahren) und das Doktorat (nach 8 Jahren) erworben werden können. Die bisherigen nationalen Diplome (DEUG, Maîtrise, DEA/DESS) werden an manchen Universitäten übergangsweise noch bescheinigt, fallen ab Ende 2006 aber weg.
Siehe auch: Schulsystem in Frankreich, Liste der Bildungsminister von Frankreich, Liste der Universitäten in Frankreich, École Polytechnique (Paris), Kindergeld
Wirtschaft
Traditionell ist in Frankreich die Wirtschaftspolitik von vergleichsweise starken staatlichen Eingriffen gelenkt. Hier spielt die historische Rolle des Merkantilismus – im Speziellen des Colbertismus – im Land eine Rolle.
Frankreich ist eine gelenkte Volkswirtschaft, die in den letzten Jahren zunehmend dereguliert und privatisiert wurde. Die Schlüsselindustrien, besonders Energiewirtschaft, sind bislang unter staatlicher Kontrolle; Frankreich ist ein bedeutender Produzent von Atomstrom, und Deutschland sein wichtigster Kunde. In Frankreich wird ca. 80 Prozent der Elektrizität mit Atomkraftwerken produziert. Damit hat Frankreich neben Litauen momentan (Anfang 2005) den höchsten Prozentsatz an Atomstromproduktion der Welt. (Siehe auch: Liste der Kernkraftanlagen)
Wein steht in der französischen Ausfuhrliste an fünfter Stelle: nach Autos, Flugzeugen, pharmazeutischen Produkten und Elektronik. (Siehe auch: Weinbaugebiete in Frankreich)
- Tourismus (z. B. Logis de France)
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im 1. Quartal 2004 um 0,8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im 4. Quartal 2003 waren es 0,6 Prozentpunkte.
Die Erwerbstätigenstruktur hat sich gegenüber früher grundlegend gewandelt, so arbeiteten 2003 nur mehr 4 % der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft und Fischerei, in der Industrie waren es 24 %, wohingegen 72 % im Dienstleistungsbereich tätig waren.
Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Frankreichs (2003): Es exportiert 14,9 % seines Exportvolumens nach Deutschland, das seinerseits am Import mit 19,1 % beteiligt ist.
Die Inflationsrate betrug 2,1 % (2004).
Die Arbeitslosenzahl belief sich im Januar 2005 auf 10 %, das sind 2.716.000 Erwerbslose.
Die größten französischen Unternehmen 2003 (ohne Banken und Versicherungen)
# Total – Umsatz 104,7 Mrd. € – 11.000 Beschäftigte
# Carrefour – Umsatz 70,5 Mrd. € – 419.000 Beschäftigte
# PSA Peugeot Citroën – Umsatz 54,2 Mrd. € – 200.000 Beschäftigte
# France Télécom – Umsatz 46,1 Mrd. € – 222.000 Beschäftigte
# EDF – Umsatz 44,9 Mrd. € – 167.000 Beschäftigte
# Suez – Umsatz 39,6 Mrd. € – 171.000 Beschäftigte
# Les Mousquetaires – Umsatz 38,4 Mrd. € – 112.000 Beschäftigte
# Renault – Umsatz 37,5 Mrd. € – 140.000 Beschäftigte
# Publicis Groupe – Umsatz 32,2 Mrd. € – 35.000 Beschäftigte
# Saint-Gobain – Umsatz 29,6 Mrd. € – 172.000 Beschäftigte
# Groupe Auchan – Umsatz 28,7 Mrd. € – 156.000 Beschäftigte
# Veolia Environnement – Umsatz 28,6 Mrd. € – 257.000 Beschäftigte
# Centres Leclerc – Umsatz 27,2 Mrd. € – 84.000 Beschäftigte
Kultur
Frankreich leitet seinen Rang in Europa und der Welt auch aus den Eigenheiten seiner Kultur ab, die sich insbesondere über die Sprache definiert (Sprachschutz- und -pflegegesetzgebung). In der Medienpolitik wird die eigene Kultur und Sprache durch Quoten für Filme und Musik gefördert. Frankreich verfolgt in der Europäischen Union, d | | |